HempFlax - Die Natur gewinnt


Wenn von Hanf (lat. Cannabis) die Rede ist, denken viele gleich an Rauschmittel wie Marijuana oder Haschisch. Dabei ist spätestens seit der Veröffentlichung von Jack Herers Buch »Die Wieder­entdeckung der Nutzpflanze Hanf« Anfang der neunziger Jahre klar, dass Hanf ein deutlich größe­res Potenzial besitzt. Neben Lebensmitteln auf Hanfölbasis, Textilien und Papier aus Hanffasern sollen rund 50.000 verschiedene Produkte aus dieser wertvollen Nutzpflanze hergestellt werden können. In den neunziger Jahren gab es einen regelrechten Nutzhanf-Boom und zahlreiche Fir­men entstanden, die sich mit diesem Thema beschäftigt und versucht haben, legale Nutzhanf­produkte zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Heute, mehr als zehn Jahre später, ist da­von nicht mehr viel übrig. Und es ist es gar nicht so einfach, Firmen zu finden, die sich immer noch mit Hanf beschäftigen. Fündig wurden wir in Nord-Holland, wo die Firma HempFlax ihren Sitz hat. Das Unternehmen wurde 1993 vom Sensi-Seeds-Boss Ben Dronkers gegründet und hat seitdem viel Pionierarbeit geleistet, wie uns Mark Reinders, der Geschäftsführer von HempFlax, im folgenden Interview erzählte.
HempFlax 01grow! Hallo Mark, vor ein paar Jahren haben wir HempFlax schon mal besucht, damals war das Unternehmen aber noch in der Aufbau­phase. Wie ist der aktuelle Stand? Mark: Es hat sich in den letzten Jahren viel getan, wir waren sehr damit beschäftigt, Ma­schinen und Geräte zu entwickeln, die in der Lage sind, mit den stabilen Hanffasern zu­recht zu kommen. Als HempFlax vor 18 Jahren gegründet wurde, gab es solche Maschinen nicht. Was es gab, kam aus der Flachsverar­beitung und dem Textilrecycling. Aber mit sol­chen Maschinen gab es viele Probleme. grow! Warum, was ist passiert? Mark: Die Maschinen gingen sehr schnell ka­putt, weil die Messer stumpf wurden und die Fasern stecken blieben, was im schlechtesten Fall dazu führte, dass sich das Hanfstroh ent­zündete und die ganze Maschine abbrannte. grow! Aber so etwas passiert jetzt nicht mehr?
Mark: Nein, wir haben seit etwa drei Jahren ganz neue Maschinen, die wir selbst entwi­ckelt und patentrechtlich geschützt haben. Unsere neueste Erntemaschine hat über 500 PS, ein Schneidwerk von 4,5 Meter Breite und kann mittels GPS automatisch gesteuert wer­den. Sie ist in der Lage, 24 Stunden am Tag im Einsatz zu sein. Ihre Messer sind speziell für den Einsatz auf Hanffeldern optimiert. Es ste­cken jahrelange Erfahrungen hier drin. grow! Wie ist das mit der Anbaufläche für Hanf, ist es ein Problem, Bauern zu finden, die für euch den Hanf anbauen? HempFlax 02Mark: Das hängt stark damit zusammen, was die Bauern für die einzelnen Ackerfrüchte be­kommen. Wir sind da eigentlich immer im Wettbewerb mit dem Getreide. In Jahren, wo der Getreidepreis sehr hoch ist, bauen viele Bauern lieber Weizen oder anderes Getreide an, weil sie dann damit gut verdienen können. Ist der Getreidepreis niedrig, lassen sie sich leichter zum Hanfanbau motivieren. Der Preis, den wir für den Hanf bezahlen können, bleibt eher gleich, weil auch der Preis für die Fa­sern gleich bleibt, während der Getreidepreis vom Weltmarkt bestimmt wird und sich relativ schnell ändern kann. Für uns stellt auch die Verbreitung von Bio­gasanlagen ein zunehmendes Problem dar. Eine solche Anlage benötigt viel Biomasse, die vor allem in Form von Mais produziert wird. Man kann sagen, dass rund 300 bis 400 Hek­tar Maisfelder für eine Biogasanlage benötigt werden. Und die Fläche steht dann nicht mehr für den Hanfanbau zur Verfügung. grow! Könnte man nicht auch Hanfpflanzen als Biomasse für solche Anlagen verwenden? Mark: Das lohnt sich nicht. Auf einem Hektar Ackerfläche lassen sich etwa 40 Tonnen Tro­ckenmasse aus Mais, aber nur 15 Tonnen Tro­ckenmasse aus Hanf produzieren. Außerdem ist Hanf viel zu wertvoll, um ihn nur für die Bi­ogasproduktion zu verwenden. Ursprünglich sind solche Anlagen dafür entwickelt worden, um aus den Abfallprodukten der Landwirt­schaft, wie zum Beispiel Gülle und Stroh, Bi­ogas zu erzeugen. Doch durch die staatlichen Subventionen für die Biogasanlagen wurde es für die Bauern immer interessanter, Pflanzen wie Mais oder Raps anzubauen, die direkt zu Biogas vergoren werden. In meinen Augen ist das ökologisch aber nicht besonders sinnvoll, da es viel Energie kostet, das Biogas zu pro­duzieren. grow! Macht es für die Bauern vom Aufwand her einen Unterschied, ob sie Mais oder Hanf anbauen? Brauchen sie zum Beispiel für den Hanfanbau eine spezielle Genehmigung? HempFlax 03Mark: Nein, eine spezielle Genehmigung brau­chen sie nicht, sie dürfen aber nur die von der europäischen Union freigegebenen Hanfsor­ten mit einem niedrigen THC-Gehalt anbauen. Und dann ist es so wie mit allen Ackerfrüch­ten, es muss nur gemeldet werden, was sie wo anbauen. im Prinzip ist der Anbau von Hanf einfacher als der von anderen Pflanzen, da für Hanf deutlich weniger Dünger und Pflanzenschutz­mittel eingesetzt werden müssen. In Z00 Ta­gen wachsen die Pflanzen auf eine Höhe von etwa 4 Metern. Hanf eignet sich außerdem gut als vierte Ackerfrucht. Bei uns werden Kartoffeln, Rü­ben und Weizen im Frucht-Wechsel ange­baut, also in einem Jahr Kartoffeln, dann Rü­ben, dann Weizen und dann wieder Kartoffeln. Es ist aber immer schwieriger geworden, mit Kartoffeln und Rüben Geld zu verdienen, und der Getreidepreis variiert stark. Deshalb wa­ren Bauern schon immer daran interessiert, eine weitere Ackerfrucht zu finden, die in den Fruchtwechsel passt und mit der sich Geld verdienen lässt. Und Hanf kann diese vierte Frucht sein. grow! Auf wie viel Fläche wird euer Hanf an­gebaut? Mark: Wir brauchen mindestens 600 Hektar, um genug Hanf für unsere Produkte zu haben. In guten Jahren können es aber auch über 1.000 Hektar sein. grow! Und das sind alles Flächen in den Nie­derlanden? Mark: Nein, wir arbeiten auch mit deutschen Bauern zusammen. Bis zur Grenze sind es ja nur 15 Kilometer. Unsere Bauern sind aber nicht weiter als 5o Kilometer entfernt, da sonst die Transportkosten zu hoch werden und das Ganze unrentabel machen. HempFlax 04grow! Was macht ihr aus dem Hanf, welche Produkte stellt ihr daraus her? Mark: Wir verarbeiten zum einen die Fasern und zum andern die Schäben, das holzartige innere der Hanfstängel. Mit unseren Maschi­nen trennen wir die Fasern von den Schäben und erreichen so bei den Fasern Reinheits­grade von über 99 Prozent. Vor ein paar Jah­ren konnten wir froh sein, wenn wir Reinheits­grade von bis zu 8o Prozent erreichten. Die Fasern werden dann entweder zu Ballen gepresst und verkauft, oder bei uns zu einem Hanfvlies weiterverarbeitet, das den Zuliefer­betrieben für die Autoindustrie als Grundstoff für Türinnenverkleidungen oder ähnliches dient. Die Fasern werden dazu mit einem Kunststoff besprüht und unter hohem Druck und hoher Temperatur in Form gepresst. Für diesen Prozess ist es sehr wichtig, möglichst saubere Fasern zu haben, da eingeschlossene Schäben zu Löchern führen können, die die Verkleidung unbrauchbar machen. grow! Weißt du, in welchen Autos die Hanffa­sern eingesetzt werden? Mark: Ja, das sind zum Beispiel viele der Mo­delle von BMW und Mercedes, aber auch in Maybach und Jaguar. grow! Also eher in hochwertigen und teuren Autos. Geht eure gesamte Faserproduktion in die Autoindustrie? Mark: Nein, wir liefern die Vliesmatten zum Beispiel auch für die Zucht von Kresse oder für die Produktion von Trittschalldämmung.

Neben den Fasern verarbeiten wir auch die Schäben. Die werden gereinigt und abso­lut staubfrei gemacht, um sie als hochwer­tiges Tierstreu einsetzen zu können. Beson­ders in der Pferdezucht ist dieses Tierstreu beliebt, da die Hanfschäben im Vergleich zu Stroh oder Holzsägespänen viel Feuchtigkeit aufnehmen können (bis zu 65o Prozent). Sä­gespäne sind zwar billiger, können aber nur bis zu 300 Prozent Feuchtigkeit aufnehmen, müssen also öfter erneuert werden, was mehr Arbeit bedeutet. Außerdem lassen sich Hanf­schäben schneller kompostieren als Sägespä­ne. Nach vier bis fünf Wochen sind Hanfschä­ben bereits fertig kompostiert und lassen sich als Dünger auf die Felder und Weiden ausbrin­gen.

HempFlax 05grow! Aber das Hanfstreu gibt es nicht nur für Pferde, zumindest sehe ich dort Packungen mit Kaninchen und Meerschweinchen drauf...

Mark: Ja, das siehst du richtig. Wir verkaufen das Streu auch in kleinen Packungen für den Kleintierzüchter. Die liefern wir an etwa 35o Tierläden in ganz Holland.

grow! Macht ihr auch was mit den Hanfsamen?

Mark: Nein, da wir hierzu weit im Norden sind, werden die Hanfsamen bei uns nicht richtig reif. Dazu müsste das Klima wärmer und tro­ckener sein. Gerade im September, wenn die Hanfsamen reifen, ist es in unserer Gegend zu feucht. Und das bedeutet ein zu großes Risi­ko. Wir beginnen mit der Ernte, wenn bei den Pflanzen die Blüte eingesetzt hat. Das ist in der Regel Mitte August. Dann ist hier das Wet­ter noch gut genug, um das Hanfstroh trocken nach Hause zu bekommen.

Es ist sehr wichtig, dass das Hanfstroh trocken ist, da es sich sonst nicht lagern lassen wür­de. Es würde einfach verschimmeln. Es würde auch nicht funktionieren, das Hanfstroh drau­ßen zu lagern, wie das mit Stroh von Getreide oft gemacht wird. Das Hanfstroh würde drau­ßen die Feuchtigkeit anziehen und dann auch verschimmeln.

grow! Deshalb habt ihr hier so große Hal­len. Wie viel Fläche steht euch hier zur Verfü­gung?

Mark: Insgesamt haben wir eine Betriebsflä­che von etwa 100.000 qm. Davon sind etwa 40.000 qm Lagerhallen. Für die eigentliche Produktion brauchen wir lediglich 3.000 qm. Da wir aber nur einmal im Jahr unseren Rohstoff bekommen, müssen wir den gesamten Jahresbedarf trocken einlagern können. Des­halb die großen Hallen.

grow! Gibt es eigentlich noch andere Firmen, die sich mit Hanffasern beschäftigen?

Mark: Ja, es gibt noch eine Firma in Deutsch­land und eine in England, doch die meisten gibt es in Frankreich. Dort ist der Schwer­punkt der Hanfindustrie. In Südfrankreich ist das Klima gut genug, um auch die Hanfsamen ernten zu können. Dafür sind die Fasern nicht so gut geeignet, um sie in der Autoindustrie zu verwenden. Da das Klima in Frankreich ver­gleichsweise trocken ist, sind die Hanffasern dort sehr hell. Bei uns sind die Hanffasern eher grau, wegen der Feuchtigkeit von Tau, Regen, Nebel und so weiter. Die Feuchtigkeit führt dazu, dass sich die hanfeigenen natür­lichen Klebstoffe, das Pektin und das Lignin, einfacher von den Fasern lösen. Und das ist wichtig, damit sich später der Kunststoff bes­ser mit den Fasern verbinden kann.

In Frankreich werden die Fasern vorrangig für die Dämmstoffproduktion und die Herstellung von Papier verwendet.

grow! Für die Papierherstellung liefert ihr nichts?

Mark: Mittlerweile nicht mehr. Früher haben wir unsere Fasern in die Türkei geliefert. Dort wurde Zigarettenpapier daraus produziert. Deshalb konnten wir früher scherzen: »Am Ende wird es doch geraucht!«

grow! Ich verstehe, ihr wurdet wohl oft ge­fragt, ob man euren Hanf rauchen kann?

Mark: Ja, als das noch neu war, haben wir viele Anfragen von allen möglichen Leuten be­kommen. Aber wie du sicher weißt, verursacht das Rauchen des Faserhanfs keinen Rausch, höchstens Kopfschmerzen.

grow! Was ist eigentlich mit der Textilindu­strie, eignen sich eure Hanffasern auch für die Herstellung von Kleidung?

Mark: Ja, das ist der nächste Schritt, den wir gehen wollen. Für die Textilindustrie ist es wichtig, dass die Fasern sehr fein und weich sind. Dazu müssen die normalen Hanffasern noch mal aufgespaltet werden, sodass man die Primärfasern erhält. Vergleicht man die normalen Hanffasern unter dem Mikroskop mit Baumwollfasern, fällt schnell auf, dass Baumwolle aus deutlich feineren Fasern be­steht. Und solch feine Fasern sind notwen­dig, um einen Stoff mit angenehmen Tragee­igenschaften herstellen zu können. Wenn ich an die Hanfstoffe aus den Anfangsjahren zu­rückdenke, dann waren die allerhöchstens für Jeanshosen geeignet. Der Baumwolle konnte man damit keine Konkurrenz machen. Doch das wird sich bald ändern. Ich bin überzeugt, dass wir in absehbarer Zukunft Fasern her­stellen können, die genauso fein sind wie die von Baumwolle. Und dann kann der Sieges­zug von Faserhanf richtig beginnen. Denn im Vergleich zu Baumwolle lässt sich Hanf viel einfacher anbauen, er braucht viel weniger Kunstdünger und Schädlingsbekämpfungs­mittel und vor allem viel weniger Wasser. Während für die Produktion von einem Kilo Baumwolle etwa 17.000 Liter Wasser benöti­gt werden, braucht es für die Produktion der­selben Menge Hanffasern nur rund 700 Liter Wasser.

grow! Das ist ja mal ein deutlicher Unter­schied ...

Mark: Auf einem Hektar Ackerfläche lassen sich etwa 600 Kilogramm Baumwollfasern produzieren. Mit Hanf lassen sich auf dersel­ben Fläche rund 2.000 Kilogramm Fasern pro­duzieren. Und Hanf wächst fast überall, auch in den Baumwollgebieten.

grow! Wer weiß, vielleicht schafft es der Hanf tatsächlich, die Baumwolle als Hauptfaserlie­ferant für die Textilindustrie abzulösen. Für die Umwelt, besonders in den Anbaugebieten, wäre es bestimmt das Beste.

Vielen Dank für das Interview. Wir bleiben in Kontakt, und sobald es eine neue Entwicklung gibt, treffen wir uns wieder.

Mehr Infos zu HempFlax unter: www.hempflax.com